Ich fühle mich nicht angesprochen

Facebook ist ja ein wunderbares Verbreitungsmedium. So kam ich auf die Ideenwelten von Louis: Die Bikerwelt der Frauen. Aha. Da hat sich die Marketingabteilung mal wieder hingesetzt und viel Gehirnschmalz produziert. Inhaltlich hat es mich nicht angesprochen - doch lest selbst:

 Als Erstes: Wunderbar, dass sich der Motorrad-Einzelhandelsfilialist mit der Zielgruppe "Frau" auseinander setzt. Ist ja schon mal ein Anfang. Was mich etwas irritiert hat, war gleich der Einleitungsatz: 

Motorrad fahrende Frauen sind längst keine exotische Randgruppe mehr: Über 1,8 Millionen Frauen in Deutschland haben einen Motorradführerschein. Mehr als eine halbe Million Motorräder sind auf Frauen zugelassen. Und es werden immer mehr.

Viele mit Führerschein, aber ohne Krad

kraftfahrt bundesamt statistik

Aha - woher hat Louis die Zahlen? Wenn ich mir die Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes anschaue, dann sind wir doch viel mehr:
4,6 Mio (Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt, 01.01.2017) also zumindest die Besitzerinnen eines Motorradführerscheins ab 125 ccm. Macht knapp 30% aller Motorradführerschein-Besitzer.

Beim ZFER -> Zentrales Fahrerlaubnisregister sind alle FS-Inhaber in Deutschland seit 1999 registriert. Das heißt, dass nur ein Teil der tatsächlichen FS-InhaberInnen dort erfasst sind. Zum 01.01.2017 beinhaltete die ZFER 37,5 Mio von geschätzten 54 Mio FS-Inhabern. Wenn ich die o.g. 4,6 Mio umrechne, würde das dann die Zahl der Besitzerinnen einer gültigen Fahrerlaubnis für Motorräder auf geschätzte 6,5 Mio bringen.

Statistik KFBDer derzeitige (01.01.2017) Gesamtbestand an Krafträdern beträgt ~4,3 Mio (Quelle: KFB). Davon waren am genannten Datum 577.000 auf Frauen (13,4%) zugelassen. Das wird sich zum Ende diesen Jahres auch nicht großartig verändert haben, da in 2017 die Zulassungszahlen leicht rückläufig waren.

Nachtrag: Wir wissen nicht, wieviele Zweitmotorräder auf Männer zugelassen sind und von Frauen genutzt werden.

Ja,ja - ich weiß, ich mecker schon wieder. Ich habe nur etwas gegen schlecht recherchierte "Fakten" (Fakenews?). Dabei sind die Zahlen des KFB ohne großen Aufwand kostenlos einzusehen. Der IVM e.V. (Industrie-Verband Motorrad Deutschland) bereitet die Zahlen sogar noch schön auf. Leider geht dieser, trotz wirklich umfangreicher Statistiken, nicht auf die geschlechterspezifische Verteilung der Zulassungen ein. 

Bei so einer Statistik - Zulassung von Motorräden auf Frauen - würde mich sehr interessieren, wieviele Frauen davon keinen Motorrrad-FS besitzen und die Maschine nur auf sich zulassen, um Kindern oder Mann oder wem auch immer das Fahren "günstig"  zu ermöglichen.

Immer noch nichts gelernt

Zurück zur Bikerwelt der Frauen. Brauchen wir überhaupt unsere "eigene" Welt? Brauchen wir rosa Blümchen, um zu wissen, dass wir weiblich sind? Wie in anderen Berichten meinerseits schon erwähnt: natürlich gibt es Frauen, die auf Pink und rosa und Blümchen und sowas stehen. Das ist ja auch gut so. Aber was machen die restlichen 90% der Frauen, die gerne grün, blau, gelb, rot, orange oder sonst eine Farbe bevorzugen? Schließlich gibt es auf dem Klamottenmarkt für Frauen nicht nur rosa T-Shirts und Hosen ... Und auch die Automobilhersteller haben erkannt, dass rosa Autos nicht verkauft werden.

louis 01Einerseits will Louis uns in dem Ausdruck unserer Individualität unterstützen, schaffen es aber nicht, die Farbpalette der Seite neutral zu halten und bleiben in "typischen" rosa, rot und Beerentönen. Die Auswahl der Produkte und des Textes ist ebenso einseitig:

 

Motorradhelme für Frauen

Immer mehr Hersteller designen ihre Helme in Farben und Dekoren speziell für Frauen. Und bei Louis finden Sie diese Helme in großer Vielfalt. Schlicht schwarz haben wir natürlich auch.

Der Einzelhandel kann nichts dafür, dass die Hersteller immer noch auf das falsche Pferd setzen. Da ist es aber am Handel, die Hersteller zu finden und deren Produkte einzukaufen, die nicht "Frau = Rosa" sind. Oder den Herstellern mitteilen, was die Zielgruppe wünscht. Das herauszufinden im B2C-Bereich, ist heutzutage so einfach wie nie: nennt sich Social Listening. Dazu müssten die Einkaufsabteilungen nur in den einschlägigen Frauen-Motorrad-Foren oder diversen Frauen-Motorrad-Blogs mitlesen. Wäre auch eine Idee für die Hersteller und deren Produktentwickler.

Noch einmal: ich finde es gut, dass sich der Einzelhandel endlich bewusst ist, dass Frauen im 21. Jahrhundert ganz selbstverständlich Motorrad fahren. Obwohl ich bei der Formulierung 

Ob Selbstfahrerin oder Sozia, ...

mich frage, warum Männer nicht auch als Selbstfahrer bezeichnet werden? Weil es keine Männer gibt, die hinten mit fahren? Wir Frauen fahren genauso Motorrad und sind deshalb Motorradfahrerinnen. Und wer hinten drauf hockt, ist entweder Sozius oder Sozia. Fertig.  Ja, ich weiß, ich bin manchmal echt kleinlich. Worte umgeben uns den ganzen Tag und viele benutzen Worte sehr sorglos. Mir ist achtsamer Umgang mit Worten wichtig, denn Worte lassen uns Dinge unbewusst oft in gut oder schlecht  einstufen. Selbstfahrerin ist bei mir ganz arg negativ belegt.

Größe ist entscheidend

Größe ist entscheidend, das war schon immer so. Nicht nur, dass wir Frauen anatomisch anders geformt sind, wir sind auch noch ziemlich unterschiedlich. Ich kann hier nicht als Paradebeispiel dienen, denn ich habe eher durchschnittliche Ausmaße in Köpergröße, Brustumfang, Schuhgröße und Gewicht. Was in einer Kleidergröße 36, Schuhgröße 38 und 1,69 m Gesamtlänge zu beziffern ist. Für mich ist die Suche nach passenden Klamotten nicht ganz so problematisch. Lediglich sind meine Arme und Beine etwas länger, als der ausgemessene Durchschnitt. Dafür habe ich scheinbar extreme Ansprüche ;-) -> kein pink. Damit kann ich leben.

Non Konform

Es gibt aber genügend Frauen, die nicht dem Konfektionsgrößen-Standard entsprechen: Mehr Oberweite, als ein B-Körbchen, Rubensfrauen, Frauen mit einem stylishen Kardashian-Popo, große Damen und und und. Bei Büse beispielsweise, gibt's für Männer bei vielen Jackenmodellen die Sondergröße für Fässchenträger. Warum kann man das nicht auch bei Frauen machen? Also für mehr Oberweite ... 

Ach ja, wir sind ja nur knapp 14% Selbstfahrerinnen in Deutschland und die Anzahl der Sozias ist völlig unbekannt ... Lohnt sich nicht, denn in anderen Teilen der Welt gibt's ja keine Frauen, die Motorrad fahren ;-) und Sicherheitskleidung benötigen.

Experte? Ich lach mich weg

louis 02

Hallo Louis Team, ich weiß ja aus eigener beruflicher Erfahrung, dass man sich als Unternehmen heutzutage als "Experte" in seinem Bereich positionieren will und den Verkauf über Content statt platter Werbebotschaften ankurbeln will / soll. Doch mal ernsthaft: Meint ihr, mit diesem Rat Euren Experten-Status zu festigen:

 Tipps gegen das Chaos unterm Helm

  1. Mehrere Haargummis verhindern, dass die Mähne rettungslos verfilzt.
  2. Am besten funktioniert immer noch ein tief angesetzter Pferdeschwanz oder ein geflochtener Zopf.

Jede, wirklich JEDE Frau mit langen Haaren weiß das! Wollt ihr mich damit vergageiern? Lange Haare hat Frau nicht über Nacht und weiß nicht, was sie mit der plötzlichen Haarpracht anfangen soll. Lange Haare brauchen einige Jahre, bis sie lang sind, klingt komisch, ist aber so.. Entweder man hat sie seit Kindesbeinen oder aber man lernt im Laufe der Jahre, die länger werdenden Zauseln auf dem Kopf bei jeder Witterung und Aktivität zu bändigen. Zur Not gibt's auf Youtube genügend Videos ... 

Klischees bedienen

Im unteren Teil der Bikerwelt der Frauen werden dann weiter alle gängigen Klischees, die man bis hier her noch nicht aufgearbeitet hat, angesprochen:

Motorräder werden immer noch von Männern und größtenteils für Männer konstruiert. Das heißt aber nicht, dass frau sich mit den serienmäßigen Unzulänglichkeiten abfinden muss. Mit ein paar technischen Veränderungen lassen sich die meisten Maschinen der weiblichen Anatomie anpassen:

Haaaaaaaaallooooooooooooo!!!!! Ja, wir Frauen sind evolutionsbedingt meist kleiner als Männer. Das hört sich an, als gäbe es keine kleinen Männer mit Motorrad. Wir brauchen kein für uns konstruiertes "Frauenmotorrad".  Unzulänglichkeiten haben die Serienmotorräder ebenfalls nicht, so wie man im Auto den Sitz nach vorne und oben stellen muss, um eine gute Sitzposition zu haben, so kann man sein Motorrad an seine Körpergröße nachträglich anpassen. Natürlich mit etwas Aufwand, aber nichts ist unmöglich. 

Frauen haben im Durchschnitt kürzere Arme als Männer. 

Das liegt an der Körpergröße, die im Durchschnitt geringer ist als bei Männern - siehe oben. Autsch.

Ergonomie: „Einstellbare Hebel für Kupplung und Bremse sind ein echter Sicherheitsgewinn für Frauen mit kleinen Händen. Und mit einer Griffheizung kriegt frau auch das Kalte-Finger-Problem in den Griff.“

Ja, natürlich haben Frauen auch immer kalte Finger. Zonk. Seltsamerweise kenne ich eher Männer, die Griffheizung an der Maschine haben.

Note: ausreichend

Louis Team, der Ansatz ist schon mal gut. Zielgruppe: Motorradfahrerin und Sozia mit Anspruch an Sicherheit und passendem Style zum Motorrad. Inhaltlich von Produktseite gibt es noch einiges zu verbessern -> Hersteller darauf aufmerksam machen, was die Zielgruppe tatsächlich möchte (Social Listening).
Experten-Status durch wirkliche Experten-Tipps aufbauen. Offensichtliches und bekanntes Wissen als "Tipp" zu deklarieren macht eher unglaubwürdig. Die Schraubertipps am Ende gefallen mir gut, weil sie eben nicht auf das Geschlecht abzielen. Lediglich der unsägliche Einleitungstext ... 

Hallo Hersteller

aufgepasst: Wie oben schon erwähnt, sollte hier viel mehr auf die sozialen Kanäle gehört werden. Dort findet das Leben statt: In Motorrad-Foren und Blogs, in denen sich nur Frauen austauschen. Ist ganz einfach und tut nicht weh.

Schluss jetzt - jetzt dürft Ihr Euch darüber auslassen, wie kleinlich ich bin, ich doch mal 5 gerade sein lassen soll und ich froh sein soll, dass es überhaupt schon was für Frauen gibt :-) 

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